Saturday, 19 May 2012

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Ohnmächtig stehen sie vor den Trümmern

Ohnmächtig stehen sie vor den Trümmern
Artikel vom:
28.10.2011
Quelle:
DEWEZET
Autor:
I.Stenzel
Kategorie:
Ort

Artikel Inhalt

Brünnighausen. Zwölf Uhr wäre normal gewesen – aber es war erst kurz nach elf, als die Sirene heulte. Es sollte ein Sonnabendvormittag im Dorf werden, wie es ihn noch nie zuvor gegeben hatte und der vielen lange in Erinnerung bleiben wird: den Brünnighäusern bei zweitem Frühstück oder Gartenarbeit in der Herbstsonne, den Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr, die bei der Beerdigung eines ihrer Mitglieder vor der Brünnighäuser Kapelle Spalier standen, und vor allem bei Rachel Schneider und Andreas Klein, die in ihrem Traumhaus am Waldrand am Laptop saßen, um Geburtstagseinladungen zu verschicken, als sie zunächst den Schwelgeruch, dann die Rauchschwaden wahrnahmen und den Notruf absetzten.

 


Das Dankeschönplakat hängt mitten im Ort.
Über den Großbrand wurde ausführlich berichtet – jetzt ist es dem Ehepaar ein sehr dringendes Bedürfnis, den Menschen in Brünnighausen und über die Grenzen des Ortes hinaus zu schildern, wie sie diesen Tag erlebt hätten; den Tag, als die Tragödie passierte, die das Leben der Familie nachhaltig verändern sollte. Als ihr Lebenstraum aus Holz Feuer fing „und wir ohnmächtig mit ansehen mussten, wie die Flammen sich immer größere Stücke unseres Zuhauses nahmen“. Angst, Verzweiflung, Trauer und die Unfähigkeit zu begreifen und zu handeln hätten sie auch heute noch im Griff, sagt Rachel Schneider (51) wenige Tage nach den schrecklichen Ereignissen. „Sie lässt dich vollkommen hilflos im Flammenchaos“, sagt Andreas Klein, „diese Ohnmacht, nichts, aber auch gar nichts tun zu können, auch wenn du gewohnt bist, dein Leben fest im Griff zu haben.“ Und er hat in den 50 Jahren seines Lebens privat wie beruflich nicht wenig erlebt, erfahren und gemeinsam mit seiner Frau als selbstständiger Unternehmer im Gesundheitsbereich für Schwerstkranke geschafft. Rachel hatte sich – bis zum 22. Oktober 2011, 11 Uhr, als das Haus unbewohnbar wurde und am Ende nicht mehr zu retten war – als durchgehend vom Leben verwöhntes Glückskind gefühlt: „Ich habe einen tollen Mann, tolle Kinder, eine himmlische Familie, Gesundheit… Und im Februar 2011 hatten wir uns einen weiteren Lebenstraum erfüllt: ein eigenes Haus, das, obwohl nicht selbst gebaut, völlig unseren Vorstellungen von einem gemütlichen Heim entsprach.“ Ein Holzhaus hatte es sein sollen, gerne in einer ruhigen Gegend, abseits des alltäglichen Trubels. Und so war die Wahl auf Brünnighausen gefallen, ein Ort, den sie bis dahin nur vom Wegweiser kannten, auf dem Weg von Wennigsen nach Bäntorf zum Reiten.

Da beide Elternteile durch ihr berufliches Engagement sehr eingespannt und viel unterwegs sind, entwickelte sich dieses Zuhause für sie und die 18-jährige Tochter zu einer wahren Oase der Ruhe. „Die Fahrt auf Brünnighausen zu, durch die schöne lange Baumallee, war jeden Tag aufs Neue wie der Eintritt in eine andere Welt“, sagen beide, „und da standen wir dann glücklich Hand in Hand in unserem Garten und wussten: ‚Hier sind wir zu Hause.‘“ Heute, unter den verkohlten Dachbalken, können sie die Tränen nicht zurückhalten… Und dennoch: „Bei aller Tragik gab es für uns nicht nur ein brennendes Heim zu sehen. Wir sahen freiwillige Feuerwehrkräfte, die umsichtig und besonnen diesen Einsatz leiteten; andere, denen es mutig und beherzt innerhalb des Chaos’ gelang, Habseligkeiten aus dem brennenden Haus zu retten. Wir sahen Menschen, die um das Haus Fremder kämpften, als wäre es ihr eigenes, andere, die uns immer wieder trösteten oder zu verhindern versuchten, dass wir in unvernünftiger und kopfloser Weise das Haus betreten. Wir konnten junge Feuerwehrleute erleben, nicht viel älter als unser eigenes Kind, sehen, wie sie ihr Leben riskierten, um den Brand zunächst von innen zu löschen, Nachbarn, die weinend jede Art von Hilfe anboten, andere, die Essen und Trinken oder Nervennahrung vorbeibrachten und hörten im Nachhinein von Menschen, die spontan mithalfen, Schläuche über weite Strecken auszurollen…“ Und sie hörten auch von dem Vater, der seinen Sohn am selben Tag zu Grabe tragen musste und die menschliche Größe zeigte, das für die Trauergäste vorgesehene Essen in die „Obere Wieme“ zu schicken. „Wir hatten und haben Brünnighäuser an unserer Seite, die uns wie gute alte Freunde zur Seite stehen, obwohl sie uns nur kurz und flüchtig kennen. Und wir können seitdem täglich erfahren, dass in diesem Ort ein Hilfeangebot nicht nur eine leere Floskel ist. Das wäre in einer Stadt nicht möglich“, sind beide überzeugt.

In der Unteren Wieme, um die Ecke, haben sie in einem komfortablen Haus mehr als nur „ein Dach über dem Kopf“ gefunden, bis sie ihr neues Haus gebaut haben. „Da wird uns eben mal der Hausschlüssel in die Hand gedrückt von Menschen, die uns noch nie in ihrem Leben zuvor gesehen haben“, erzählt Rachel, „neue Nachbarn hängen uns Zettel an die Tür mit Botschaften wie ‚stellt eure Wäsche einfach in den Carport, wir waschen sie für euch‘“. Nein, sie seien nicht allein in ihrer hilflosen Ohnmacht. Sie müssen Wege finden, allen hier danke zu sagen, für dieses Gefühl, trotz des Verlustes auch etwas gewonnen zu haben: eine Heimat.

 

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