Brünnighausen (ist). „Ich war plötzlich in einem Ort (Altenoythe im Landkreis Cloppenburg), in dem ich nie zuvor gewesen war, stand vor einem Haus, in dem Menschen wohnen, die ich in 53 Jahren nie gesehen, geschweige denn kennengelernt hatte – da öffnet sich die Tür und mir strömt so viel Herz und Liebe entgegen, dass das Leben auf einmal ganz leicht erscheint und wir uns spontan in den Armen liegen.“ Was eigentlich gar nicht ihrer Art entspreche, sagt Gabriela Thiel (53), die seit neun Jahren von einer Erwerbsminderungsrente aufgrund posttraumatischer Belastungsstörung eher zurückgezogen mit Labradorhündin Assia in Brünnighausen lebt. Während der Hund sich unter liebevollem Bauchgekraule wohlig auf seinem Kissen räkelt, erinnert sich Frauchen an die Woche, die ihr Leben, das bis dahin nicht immer wirklich glücklich war, entscheidend bereichern sollte. Bis vor einem Jahr hatte Gabi Thiel nichts von ihren drei älteren Halbgeschwistern Gertrud Tollkühn (61), Arnold Koopmann (63) und Rita Stein-Sesko (56) gewusst, die sie nun ausgerechnet an einem Freitag, dem 13. in die Arme schloss.
„Dass mein Vater vor der Ehe mit meiner Mutter in den 50er Jahren schon einmal verheiratet war und ich neben meinen fünf jüngeren Geschwistern noch drei Halbgeschwister habe“, sagt die Brünnighäuserin, „ist bei uns zu Hause nie zur Sprache gekommen.“ Der 1968 verstorbene, gemeinsame Vater hatte damals drei Kinder und die erste Ehefrau verlassen und im Weserbergland eine neue Familie gegründet – was nur die Geschwister aus erster Ehe wussten und ihnen keine Ruhe ließ. Arnold Koopmann war schließlich beim Googeln zu Beginn des vergangenen Jahres fündig geworden: Er nahm E-Mail-Kontakt zu Gabrielas Bruder Andreas in Hameln auf. Bei dessen Beerdigung im vergangenen Jahr lernte Arnold Koopmann Gabriela Thiel kennen und schließlich wagte man das persönliche Treffen der spät entdeckten Geschwisterrunde. „Wir waren sechs Kinder zu Hause“, sagt Thiel, die es als Älteste mit viel Verantwortung für die Jüngeren nicht immer leicht hatte und die Familie mit 17 Jahren verließ. „Drei Geschwister sind gestorben – jetzt habe ich drei dazugewonnen“, lächelt sie. Und im neuen halben Geschwisterdutzend sei sie nach 53 Jahren glücklicher denn je. Das Ganze höre sich an wie in einem Roman, sagt sie, und brauche viel Zeit zur Verarbeitung. Nicht selten würde ihr vorgeschlagen, ein Buch darüber zu schreiben. Doch so einzigartig sei die Geschichte gar nicht, habe sie jetzt mit den Halbgeschwistern festgestellt: In Altenoythe (Kreis Cloppenburg) hatten sie beim ersten gemeinsamen Kaffee Erinnerungsbruchstücke zusammengefügt. Und nach einem Bericht der dortigen Lokalpresse grüßte sie beim Sonntagsspaziergang jeder im Ort. Es seien nicht nur vereinzelte Scheidungskinder gewesen, die längst Erwachsene geworden sind, die die Halbgeschwister spontan ansprachen und zum späten Zusammenfinden beglückwünschten – zu einem Glück, das ihnen selbst versagt geblieben sei.
„Wir werden, das ist untereinander versprochen, auf jeden Fall unser – wenn auch spätes – Geschwisterglück hüten und Kontakt halten“, sagt Gabi Thiel glücklich. Jedes halbe Jahr sei ein Treffen fest eingeplant.
Glücklich über den unverhofften Familienzuwachs: Gabriela Thiel über Fotos vom Vater und den Halbgeschwistern.
21.05.2012 06:00 -
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